Wenn sich die Absagen auf Bewerbungen häufen, ist das frustrierend und kann sich auf die Motivation und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten negativ auswirken. Im schlechtesten Fall entsteht daraus ein Teufelskreis. Es gibt jedoch Strategien, die helfen können, daraus auszubrechen. Der dritte Teil aus unserer Interview-Reihe mit Lina Bitzer, einer von drei Geschäftsleitenden der NewPlacement Academy und Expertin in den Bereichen HR und Stellensuche, gibt Aufschluss über Möglichkeiten und Wege, bei der Stellensuche endlich wieder erfolgreich zu sein.
Janine: Frau Bitzer, was können Gründe für Absagen auf Bewerbungen sein?
Ein Grund kann einerseits eine bestimmte fehlende Anforderung sein. Wenn aufgrund dieser immer wieder Absagen erfolgen, ist es entscheidend, sauber die Bedingungen und Anforderungen in der Branche oder der Stelle zu recherchieren. Die Rahmenbedingungen für Arbeitgebende verändern sich auch laufend und es kann sein, dass z.B. ein bestimmter formaler Abschluss unabdingbar ist um Subventionen (z.B. Heime) zu erhalten, externe Zertifizierungskriterien zu erfüllen oder um gegenüber Stakeholdern oder Kundengruppen als kompetente Ansprechperson zu gelten. Falls nun eine Qualifikation tatsächlich relevant ist und fehlt, lohnt es sich, abzuwägen, ob eine Weiterbildung im individuellen Fall sinnvoll ist. Fragen Sie lieber Unternehmen als Ausbildungsstätten. Letztere wollen Ihnen eher eine Weiterbildung als marktrelevant verkaufen. Übrigens erwarten Recruiter, dass Bewerbende wissen, was die Qualifikationen für das eigene Metier sind.
Strategie-Tipp 1: Feedback einholen
Wenn das Verhältnis zwischen eingereichten Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen nicht stimmt, sollte ich mich fragen: Ist das Dossier zu wenig konkret? Sind die Stellen falsch ausgewählt? Das sind ganz grundlegende Dinge, über die ich mir aber im Klaren sein sollte.
Dann kann ich auch mal versuchen, ins Gespräch zu kommen. Wenn z.B. die erhaltene Absage individualisierter ausgefallen ist als sonst, kann ich nachfragen, was genau der Grund für die Absage war. Wenn der/die Recruiter/in es nicht mehr genau weiss, kann ich nachfragen, ob ich das CV noch mal schicken kann, damit die Person nur einen Blick drauf werfen und ein kurzes Feedback geben kann. Es ist wichtig, den Dialog zu suchen, um Orientierung und Klarheit zu erhalten.
Reflektieren Sie sich selbst und versuchen Sie, Selbst- und Fremdbild abzugleichen (z.B. in Form von Feedback der Firma, von der die Absage kam oder vom Umfeld). Nutzen Sie die Absage für die Netzwerkerweiterung. Wenn ich positiv auf eine Absage reagiere, bietet sich mir in der Zukunft vielleicht die Chance, dort wieder anzuklopfen oder in Kontakt zu bleiben.
Strategie-Tipp 2: An der eigenen Motivation arbeiten
Fragen Sie sich regelmässig: «Will ich das wirklich?», «Bin ich wirklich auf dem richtigen Weg?» In vielen Dossiers ist einfach die Motivation nicht oder zu wenig erkennbar. Die Stellensuche ist ein Prozess, bei dem manchmal die stellensuchende Person selbst noch nicht genau weiss, was sie möchte. Es kann ein intrapsychischer Konflikt vorliegen, weil verschiedene Bedürfnisse sich bemerkbar machen, welche sich gegenseitig behindern. Es kann dann hilfreich sein zu reflektieren, welche Faktoren bei einer Arbeit die eigene Motivation erhöhen. Ist es Geld? Anerkennung? Das Team? Möglichst viel Freiheit oder eher wenig Verantwortung? Wir haben oft die Erfahrung gemacht, dass sich mit der Auflösung dieser inneren Konflikte auch die Probleme der Stellensuche klären. Tönt banal, ist aber so: Ich muss eben selbst überzeugt sein, um andere von mir zu überzeugen.
Strategie-Tipp 3: Sich selber stärken
Janine: Wenn ich Sie richtig verstehe, bedeutet das, dass man sich selbst stärken sollte?
Es ist wichtig zu versuchen, eine gewisse Positivität zu behalten, sich Sorge zu tragen sowie das Selbstwertgefühl immer wieder zu stabilisieren. Hilfreich ist dabei, Bewerbungen wirklich ernst zu nehmen und zu versuchen, diese so gut wie möglich zu machen. So viele verfassen nur Alibi-Bewerbungen. Dabei erhöht sich das Risiko für eine Absage enorm und jede Absage die kommt, egal ob erwartet oder nicht, nagt am Selbstwertgefühl. Die Schwierigkeit dabei ist, dass Sie selten wissen, wie lange die Stellensuche dauert, resp. wie lange Sie Ihr Selbstwertgefühl stabilisieren müssen. Deshalb lohnt es sich, sich regelmässig zu fragen: Wie kann ich vorgehen, ohne mich unnötig zu plagen? Versuchen Sie, einen Kompromiss zwischen dem Druck vom RAV und der Aussicht auf Erfolg zu finden und dennoch ernsthafte, individualisierte Bewerbungen zu verfassen.
Janine: Der Aufwand ist ja so oder so da.
Ja genau, und die Frustration ist nicht zu unterschätzen. Stellensuchende sollten versuchen, Situationen zu schaffen, in denen sie sich feiern können, wo also etwas gelingt. Als Beispiel: Heute habe ich 5 Stunden gearbeitet und ich belohne mich dafür. Dafür ist es nützlich, sich eine Struktur zu geben, also klare Tagesabläufe zu definieren. Wenn man alles halbherzig macht, hat man das Gefühl, nie fertig zu werden. Rhythmus ist hier das zentrale Stichwort. Finden Sie einen Rhythmus, geben Sie sich eine Tagesstruktur und bleiben Sie in Kontakt mit Ihren Mitmenschen!
Strategie-Tipp 4: Mit Selbstbestimmung aus der «Arbeitslosenpatina» ausbrechen
Eine weitere Komponente von Stellenlosigkeit ist soziale Isolation. Wer arbeitet, ist automatisch unter Leuten. Stellensuchende sind jedoch nicht «gezwungen», unter Leute zu gehen, da sie nicht zur Arbeit müssen. Weitere Auswirkungen von Stellenlosigkeit können sein: geringe Wertschätzung, Selbstwertprobleme, erhöhte Fremdbestimmung (RAV, Arbeitgebende) und dadurch erhöhte Frustration. Auf Dauer kann eine sogenannte «Arbeitslosenpatina» entstehen. Diese ist erkennbar durch: Demotivation, physische Vernachlässigung, Frustration, Gefühle der Ohnmacht, Inkompetenz und Hilflosigkeit sowie Aggression insbesondere gegenüber HR-Personal und dem RAV. Es entstehen Frustübertragung und Feindbilder à la «die lädt mich sowieso nicht ein oder stellt wieder diese eine blöde Frage». Diese Stellensuchenden reagieren öfter pikiert bei Absagen oder während des Vorstellungsgesprächs. Dieses Verhalten ist menschlich zwar nachvollziehbar, aber sicher nicht zielführend.
Wenn die oben genannten Auswirkungen von Stellenlosigkeit auf Sie zutreffen, fragen Sie sich: Wie kann ich das minimieren? Wie kann ich meine Selbstbestimmung wiederherstellen? Wie kann ich mit Leuten positiv im Austausch bleiben?
Janine: Können Sie den Punkt der Selbstbestimmung etwas genauer erläutern?
Frustration bedingt durch Stellenlosigkeit ist in der Schweiz ein häufiges Phänomen. Dennoch ist es eine Tatsache, dass jede/r für das eigene Leben verantwortlich ist. Wenn ich selber nicht mehr aus einer destruktiven Situation rauskomme, kann es hilfreich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen in Form von Coaching oder sogar psychologische Hilfe. Die Negativ-Spirale verstärkt oft das Gefühl, nicht mehr Herr oder Frau des eigenen Lebens zu sein. Deshalb können Gefühle der Ohnmacht, Hilflosigkeit oder einen Hang zum Fatalismus entstehen, die weiter lähmen. Gedanken wie «ich muss einfach Glück haben» oder «der Arbeitsmarkt will mich nicht mehr» können aufkommen. Aber zu diesem Glück sollte ich primär selbst beitragen. Wenn ich das nicht mehr kann, ist Hilfe von aussen besonders wichtig.
Alarmzeichen der Negativ-Spirale
Janine: Wie merkt man, dass man sich in einer Negativ-Spirale befindet?
Beobachten Sie sich! Solange die Emotionen noch variieren, gibt es keinen Grund zur Sorge. Ein Alarmzeichen ist, wenn dauerhaft nur noch ein bestimmtes, negatives Gefühl vorhanden ist.
Wenn ich mich total von aussen abhängig fühle, entsteht das Gefühl nicht selbstbestimmend handeln zu können. Wir versuchen zum Beispiel unseren Kundinnen und Kunden aufzuzeigen, wo sie Möglichkeiten haben, Einfluss zu nehmen, selbstbestimmt zu handeln. Die Motivation ist einfach grösser, wenn man das Gefühl hat, sein Leben selbst zu beeinflussen.
Fragen Sie sich: Mache ich immer das Gleiche und kommt immer die gleiche Reaktion? Wenn dies der Fall ist, lohnt es sich, das eigene Verhalten selbstkritisch zu reflektieren und bei Bedarf zu ändern. Hilfreich ist dabei das Einholen von ehrlichen Feedbacks aus der eigenen Umgebung. Natürlich ist in manchen Branchen der Arbeitsmarkt auch schwierig und ganz grundsätzlich stark im Wandel. Welche Kompetenzen muss ich mir also aneignen, welche Qualifikationsmassnahmen ergreifen und evtl. sogar, welche Persönlichkeitsentwicklung? Dazu gehört, eine gründliche Marktrecherche durchzuführen, um sich fit zu halten für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft.
Zur Person Lina Bitzer
Meine Interviewpartnerin Lina Bitzer ist eine von drei Geschäftsführenden der NewPlacement Academy und Verantwortliche der HR-Abteilung. Sie ist seit 13 Jahren mit Herzblut in der Arbeitsmarktintegration tätig. Da sie ihr Team selber rekrutiert, ist es ihr sehr wichtig, die Arbeitsrealität ihrer Mitarbeitenden genau zu kennen. Deshalb übernimmt sie immer wieder auch die Rolle als JobCoach und führt Kurse, Module und Coachings in den verschiedenen Bildungsinstitutionen selber durch. Dadurch kennt sie beide Seiten seit vielen Jahren aus erster Hand: die der Jobsuchenden und die der Personaler.
2 Antworten zu «Im Teufelskreis der Absagen»
[…] tun», meint Wegener. Klingt logisch, ist aber nicht immer der Fall. Denn viele, die in den Teufelskreis der Arbeitslosigkeit geraten, hatten nicht die Chance, ihre Stärken und Wünsche im Beruf zu entfalten. Deshalb ist es […]
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